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Der Spaghettistuhl

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Überall leuchtet diesen Sommer der Spaghettistuhl mit den farbigen Kunststoffkordeln – auf Balkons, Terrassen, in Gärten und Strassencafés. Der Möbelklassiker aus den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt derzeit ein Revival. Auf den Spuren eines Schweizer Kulturguts.

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Im Zürcher Oberland liegt der Ursprung des Gartenstuhls. Dort erblickte er in den Werkstätten von Embru erstmals das Sonnenlicht. Um die Produktion des Klassikers heute im Inland zu halten, arbeitet die Stahlfirma mit einer Strafanstalt zusammen.

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Immer noch dröhnen die Maschinen in der über 100-jährigen Fabrik in Rüti, wo Spitalbetten, Schul- und Büromöbel sowie Stühle aus einer vergangenen Ära entstehen. Obwohl die Zeiten schwierig sind für die Schweizer Metallindustrie, steigt zumindest der Umsatz der Altorfer-Liege stetig an – besser bekannt unter dem Namen Spaghettistuhl. Seit drei Jahren kümmert sich ein Mitglied der Besitzerfamilie persönlich um diesen Klassiker. Der 29-jährige Andreas Mantel hatte sich zuvor beim trendigen Taschenhersteller Freitag die Sporen abverdient. Nun will er der farbig bespannten Liege zu neuen Ehren verhelfen.

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Die Erfindung
Der Spaghettistuhl entspringt einer Zeit, in der namhafte Schweizer Architekten und Designer im Auftrag von Embru an neuen Sitzmöbeln aus Stahl herumtüftelten. Kreationen wie die Breuer-Liege, der Haefeli-Sessel oder der Hassenpflug-Stuhl kamen in den 1930er Jahren aus dieser Möbelküche. Der simple Gartenstuhl hingegen verdankt sein Leben ausgerechnet einem Laien, dem Sohn des damaligen Direktors. Huldreich Altorfer junior soll mit Wäscheleinen herumexperimentiert haben und bespannte dabei einen schweren Stahlrahmen. Das Resultat: die Altorfer-Liege von 1948.

Die Popularität
In den 50er und 60er Jahren eroberte der Spaghettistuhl die Herzen der Schweizer und war überall in Gärten und Beizen anzutreffen. 1964 erhielt die Altorfer-Liege sogar den Max-Bill- Designpreis «die gute Form». Die Geschichte des Gartenmöbels bleibt dennoch nebulös. Zwar populär, aber scheinbar zu unbedeutend und gewöhnlich für die Nachwelt. Gesichert ist, dass Huldreich Altorfer die Firma verliess und eine eigene Metallmöbelfabrik gründete. 1971 kaufte Embru diese auf, übernahm die Rechte an der Altorfer-Liege und produzierte sie weiter in kleiner Auflage. Allmählich verschwand der Spaghettistuhl von der Bildoberfläche, verstaubte in Kellern, Schuppen und Abstellkammern. Im Garten machten sich Sitze aus Metall und Plastik breit.

Die Wiedergeburt
Erst im Jahr 2002 hob ein junger Designstudent den Gartenstuhl wieder aus der Versenkung. Mit seiner Idee, die Klassikerlinie der Firma online zu vertreiben, gewann Oliver Spies Embru für sich. Die Maschinen liefen wieder heiss für Spaghettistuhl und Konsorten. Um die Kosten zu senken, suchte die Stahlfabrik, die heute um die 200 Mitarbeitende beschäftigt, die Zusammenarbeit mit der Stiftung Brändi mit Sitz in Kriens (LU). So bespannten Behinderte die Stahlrahmen mit den farbigen Kordeln.

Der Aufschwung
Die Onlineplattform floppte. Trotzdem steigerte Embru über den Fachhandel den Absatz der Klassiker. Um die Nachfrage zu bedienen, brauchte die Firma einen zuverlässigen und günstigen Partner. Sie übergab den Auftrag an die Justizvollzugsanstalt Pöschwies, die fortan die Stühle bespannte. «Wir würden gerne alles bei uns machen», sagt Andreas Mantel. «Aber diese Institutionen arbeiten mit einem anderen Kostensatz bei ausgezeichneter Qualität. Wir können damit nicht konkurrieren. Ich finde es jedoch sinnvoller, auf diesen Arbeitsmarkt zurückzugreifen, statt ins Ausland zu ziehen.»

Die Produktion
Dem zweiten Arbeitsmarkt sei Dank bleiben die Spaghettistühle also made in Switzerland. Nur das Rohmaterial stammt aus dem Ausland – die Kordeln aus Deutschland, die Stahlrohre aus Italien. Um wirtschaftlicher zu produzieren, investierte Embru in den Maschinenpark und ersetzte etwa die Handsägenmaschinen durch einen Rohrlaser. Dieser schneidet das Rohr und brennt Löcher darin, danach wird es mit einem Dorn aufs Mass gebogen. Früher füllten die Arbeiter das Rohr mit Sand, erst dann konnten sie es biegen, ohne zu quetschen. Heute entsteht ein Gestell in 40 Sekunden statt vier Minuten. 6 Meter Rohr ergeben eine Liege, 2,5 Meter einen Stuhl. Die Rohre werden in der Pöschwies verschweisst und verputzt und in einer Verzinkerei in Wettingen feuerverzinkt, damit sie nicht rosten. Von dort gelangen sie zurück ins Gefängnis, wo die Insassen sie vernieten und bespannen.

Der Erfolg
Im Herbst beginnt die Planung, damit ab März die Stühle bereitstehen. Jeden Freitag holt Embru 16 bis 18 Palette in der Pöschwies ab und beliefert ein Händlernetz in der ganzen Schweiz mit dem Spaghettiklassiker. Mehrere hundert Liegestühle pro Jahr setzt die Firma ab. Die Farbpalette ist klein, die Farbtöne sind knallig. Weiss, Schwarz und Rot sind der Renner, aber auch Gelb, Blau und Grün bietet das Sortiment. Für die Jubiläumsausgabe produzierte Embru eine limitierte Purpurversion. Die Stahlfirma muss kostenintensive Sicherheitsnormen für ihr Qualitätslabel erfüllen. Ein Spaghettistuhl sollte Wind und Wetter 20 bis 30 Jahre trotzen. Deshalb kostet eine Liege über 1000 Franken. Das Endprodukt wäre um 25 Prozent teurer, würde Embru alles selber fabrizieren.

Die Innovation
Seit drei Jahren ist auch eine Lounge mit Hocker erhältlich für alle, die sich an den Rattanmöbeln sattgesehen haben. Damit hat Embru den Nerv der Zeit getroffen. Um auf ungeduldige Kunden schnell reagieren zu können, lagern von jedem Modell ein paar Exemplare im Keller. So beliebt sind die Stühle, dass sie in einer Ecke hinter Gittern auf ihre Auslieferung warten.










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Stahlfirma Embru in Rüti

Produktion des Stuhlrahmens

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Der Ofen steht an der Seitenwand eines Werkraumes in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf. Werkmeister Martin Huber steckt die Kordeln hinein. Auf dem Grillgitter werden sie bei 85 Grad Umluft schwitzen, bis ihr Kern weich und warm ist. Eine Stunde lang. Dann sind sie bereit für die Bespannung.

Im Nebenraum im 2. Stock des Kurzstrafvollzugs wickelt ein Gefängnisinsasse die Kordeln von der Bobine auf eine Rolle für die zum Bespannen erforderliche Länge. Ein Liegestuhl braucht 140 Meter, ein Stuhl 50 Meter, ein Hocker 43 Meter.

Der Wickler arbeitet allein, die Bespanner in Zweierteams. Sie tragen Handschuhe aus Baumwolle, die vor Hitze und Reibung schützen. Warme Kordeln lassen sich besser spannen und ziehen sich zusammen, sobald sie erkalten. Dadurch wird die Spannung der Spaghettistühle ideal. Ein Team bespannt einen Stuhl pro Stunde. Von Ende März bis September liefert die Justizvollzugsanstalt circa 15 Palette pro Woche aus.

Die sieben Männer in der Werkstatt sitzen wegen Verkehrs- und Drogendelikten oder weil sie Bussen nicht bezahlt haben eine Strafe ab. Wer in der Anstalt arbeitet, erhält bis zu 31 Franken pro Tag, wer den Tag aufgrund von Arbeitsmangel in seiner Zelle verbringen muss, 9 Franken. Ohne Arbeit droht den Gefängnisinsassen der «Kistenkoller». Die Justizvollzugsanstalt Pöschwies versucht daher, Jobs zu beschaffen, wie etwa das Verpacken von Plastikbechern oder Palmblättern oder das Bespannen der Spaghettistühle, eine bei den Männern beliebte Arbeit, so Martin Huber, weil im Sommer immer genug Aufträge da sind.

Der Arbeitseinsatz ist für die Männer laut und anstrengend, sie müssen die Kordel gleichmässig um die Stahlrohre wickeln. Trotzdem: «Wer schwitzt, macht etwas falsch», sagt der Werkstattmeister. Dann sitze die Kordel meist zu fest am Rahmen.

Seit acht bis neun Jahren bespannt die Justizvollzugsanstalt Pöschwies die Stühle. Vor zwei Jahren übernahm sie auch Reparaturen und liefert nun auch Rollen mit Bespannungsschnüren an Private, die ihren Stuhl eigenständig richten wollen. Doch der Werkstattmeister rät von der Selbstbespannung ab. Denn wer die Stühle nicht zu zweit bespannt, spart zwar Kosten, braucht aber Nerven wie korrekt gespannte Kordeln.

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Justizvollzugsanstalt Pöschwies

Die Bespannung der Stahlrahmen

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Wo ein Original ist, sind die Nachahmer nicht fern. Von Schweizer Handarbeit bis zu Produkten made im Ausland. Derzeit ringen verschiedenste Variationen des Spaghettistuhls um die Gunst der Käufer.

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Hinter den Sieben Gleisen hauchte ein Vintageladen dem Gartensitz neues Leben ein und trug zu seinem Kultfaktor bei. Simon Kern sitzt auf einem rosa Spaghettistuhl, dem letzten Schrei. Der 33-jährige Geschäftsleiter des Bogen 33 studierte Möbeldesign und erzählt seine Geschichte des Gartenmöbels.

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Vor zwölf Jahren war der Spaghettistuhl nicht mehr auf dem Markt erhältlich. Die jungen Altmöbelverkäufer aus dem Zürcher Kreis 5, die sich auf klassisches Design der 50er, 60er und 70er Jahre spezialisiert hatten, suchten in Brockenhäusern und auf Flohmärkten nach ihm.

Was sie fanden, war meist in einem miserablen Zustand. Die Kordeln waren brüchig, ausgebleicht. Daher begannen sie, die Rahmen selber neu zu bespannen. Sie erhitzten die Kordeln mit einem Heissluftfön oder legten sie in ein Wasserbad bei 80 Grad. Für 50 Franken bekamen Kunden den alten Stahlrahmen mit neuer Bespannung. Heute kostet ein solcher Stuhl mindestens das Dreifache. In der Zwischenzeit sind alte Spaghettistühle selten zu finden. Sporadisch tauchen spezialisierte Händler mit einem Exemplar auf. Pro Jahr ergattert der Bogen 33 auf diesem Weg ein paar Dutzend Schnäppchen aus Hausräumungen oder Liquidationen.

Pastelltöne
Die Nachfrage war stets höher als das Secondhand-Angebot. Der Bogen 33 beschloss daher, eigene Stühle zu kreieren. Sie kannten die Macken der alten, brüchige Schweissnähte, und fanden eine andere Lösung. Eine kleine Schlosserei in Mellingen im Kanton Aargau biegt seither die Rohre, ein Händler bespannt sie mit Kunststoff aus Italien. Die aktuelle Farbpalette: Pastelltöne wie Rosa und Mintgrün. So entstehen an die hundert Stühle pro Jahr.

Auf der Freiluftverkaufsfläche des Bogen 33, aufgereiht um das, unter oder auf dem Piratenschiff aus Holz, stehen sie neben den Modellen der anderen Spaghettistuhl-Hersteller – wie diejenigen der Firma Schaffner, die bereits in den 50er Jahren ihren Säntisstuhl fabrizierte, oder Sitzen von Manufaktum oder Embru. Sie alle haben nun Konkurrenz bekommen. Grosshändler wie Migros und Ikea überschwemmen dieses Jahr den Markt mit eigenen Spaghettisitzen. Allerdings ist ihnen der Bogen 33 schon wieder einen Schritt voraus. Der Vintageladen hat ein Modell mit einem schwarzen Stahlrahmen kreiert. Das Gartenmöbel soll endlich salonfähig werden.

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Vintageladen Bogen 33 in Zürich

Geschäftsleiter Simon Kern

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Der Bogen 33 im urbanen Geroldareal

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Die Käufer der Spaghettistühle sind so unterschiedlich wie die Farben der Modelle. Eins haben sie gemeinsam: Sie ziehen die Kordeln den Sitzflächen aus Holz, Metall oder Plastik vor.

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«Unsere weissen, nackten Beine mit den Abdrücken der Spaghetti. Das gehörte zum Sommer, als ich Kind war. Die Ferien verbrachten wir jedes Jahr im Appenzell in einem Bauernhaus, das bereits meine Grossmutter gemietet hatte. Im Garten standen weisse Spaghettistühle. Dort tummelten meine Schwester und ich uns den ganzen Tag im Bikini oder mit einem kurzen Jupe. Wie sich die Kordeln auf der Haut anfühlten, daran erinnere ich mich noch heute.

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Später, als ich mit meiner Kleinfamilie selber ein Ferienhaus im Appenzell mietete, fanden wir im Kuhstall eine Spaghettibank. Sie lag dort, weiss, kaputt, mitten im Gerümpel und begeisterte uns. Der Bauer sagte: ‹Ihr könnt sie haben, ich hätte sie sowieso irgendwann weggeworfen.› Wir erkundigten uns, wo sich die Bank reparieren liesse, und stiessen auf die Firma Embru. Im Brockenhaus in Geiss fanden wir noch zwei rote Spaghettistühle mit mürben, zerbrochenen Schnüren. Wir liessen Bank und Stühle neu bespannen. Wie früher passten die Gartenmöbel zur Ferienstimmung.

Als wir das Ferienhaus auflösten, gaben wir sie schweren Herzens in die Obhut von Freunden, die ein Ferienhaus in Vignon besassen. Erst nachdem ich in Zürich einen Schrebergarten am Waldrand übernommen hatte, kehrten Bank und Stühle zurück. Die Bespannung hat etwas Warmes; der einzige Nachteil ist, dass die Beine in der Wiese einsinken.
Unsere neueste Anschaffung sind zwei grüne Spaghetti-Lounge-Chairs, da wir leichte, bewegliche Stühle für unseren Balkon suchten. Manchmal, wenn Besuch kommt, stellen wir sie sogar in die Stube als zusätzliche Sessel. Das hat uns mit dem Preis versöhnt.»

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In der neu eröffneten Weinbar D-Vino im Zürcher Kreis 3 sitzen die Gäste seit ein paar Wochen draussen auf bunten Spaghettistühlen und trinken ihr Feierabendbier oder ein Glas Wein. Sie erzählen, woher sie den Gartenstuhl kennen und wie es sich darauf sitzt.

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Kunden in einem Lokal in Zürich

Umfrage zu den Spaghettistühlen

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Konzept: Simone Gloor, Daniela Palumbo

Text, Ton, Schnitt: Daniela Palumbo
Foto, Video, Schnitt: Simone Gloor

Musik: Claude Kaiser
Song: Mississippi Blues von Willie Brown

© «der arbeitsmarkt», Zürich 2015


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